19.01.10
Erklärung der Bundesvertretung SI zur Erdbebenkatastrophe in Haiti
Beeindruckende Hilfsbereitschaft für die Menschen, die unter der unvorstellbaren humanitären Katastrophe leiden
Am 12.1.10 erschütterte ein schweres Erdbeben der Stärke 7.0 Haiti und traf insbesondere den am dichtesten besiedelten Raum mit der Hauptstadt Port au Prince. In diesem Ballungszentrum lebt ein Drittel der knapp 9 Millionen Einwohner des Landes, die meisten davon in erbärmlichen Elendsvierteln, die jetzt völlig zerstört sind.
Das Erdbeben traf das ärmste Land der westlichen Hemisphäre mit einem pro Kopf Einkommen von ca. 600 US $ jährlich. 80 % der Haitianer müssen von weniger als 2 US $ am Tag leben, über 50 % sind chronisch unterernährt. Sämtliche Grundnahrungsmittel müssen teuer importiert und mit Krediten der Weltbank oder Programmen der WHO finanziert werden. Bereits 2008 kam es zu einem Hungeraufstand in diesem neokolonialen Armenhaus der Karibik.
Das Land leidet unter einer starken Erosion, nachdem zugunsten des Agrar-Exports von Kaffee und Mango bereits bis 1990 fast 98 % des Regenwaldes abgeholzt worden war.
Eine staatliche Infrastruktur gibt es nicht, viele hängen seit langem am Tropf von ausländischen Hilfsorganisationen. die Menschen organisieren sich jetzt weitgehend selbst, um die wichtigsten Lebensfunktionen aufrecht zu erhalten.
Auf diese unhaltbaren Verhältnisse traf nun diese verheerende Naturkatastrophe, die deshalb zugleich eine soziale Katastrophe ist. Es sind Bilder des Grauens, des Leidens und der Ohnmacht. Die Zahl der Toten geht bereits in die Hunderttausende.
Viele Menschen in aller Welt wollen helfen. Mit persönlichem Einsatz mit Hilfswerken und Hundestaffeln, mit ihren Spenden.
Doch was passiert?
Konvois mit Hilfsgütern stauen sich an der Grenze zur Dominikanischen Republik. Hundestaffeln werden wieder abgezogen. Flugzeuge mit Helfern und Hilfsgütern können nicht mehr landen. US-Maschinen blockieren mit der Evakuierung von US-Bürgern zeitweilig die Landebahnen. Es gibt keine Lagerkapazitäten für Hilfsgüter. Die notwendige Hilfe kommt nur schleppend vor Ort z.B. in den Lazaretten an. Lebensmittel werden aus Hubschraubern wie zur Wildfütterung abgeworfen und gehen beim Abwurf kaputt.
Die Menschen sind traumatisiert, mit ihren meist schweren Verletzungen, ihren Schmerzen und der Trauer in einem Zustand von allgemeinem Chaos.
Es gibt keinerlei intakte Strukturen. Sie müssen die Rettung der Verschütteten, Versorgung und Aufräumen mit bloßen Händen selbst organisieren. Die Selbstorganisation der Menschen wird in dieser Situation zum eigentlichen Hebel der Hilfe.
„Wir wollen die Führung übernehmen“, so US-Armeesprecher Gary Tallman. Spricht hier uneigennützige humanitäre Einstellung?
Nein, denn statt Ärzten und Wasseraufbereitungsanlagen schicken die USA als erstes den Flugzeugträger „Carl Vinson“ vor Haiti. Tausende Elite-Soldaten sind an Bord. Es geht offensichtlich darum, den Einfluss auf das Land zu erhalten und zu festigen – und sei es mit militärischen Mitteln. Das US-Militär kontrolliert inzwischen vollständig den internationalen Flughafen von Port au Prince, der haitianische Präsident Preval hat sich auf dem Flughafengelände verschanzt.
Offenbar wird damit gerechnet, dass die Bevölkerung mit dem korrupten von den USA und Frankreich abhängigen Regime aufräumt und ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt wie schon einmal im Volksaufstand gegen die Franzosen im Jahr 1791. Haiti war das erste Land, in dem sich von Europäern verschleppte und versklavte Afrikaner gegen die weißen Besitzer der Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen erhoben und eine soziale Revolution in Lateinamerika durchführte.
Der UN-Vorsitzende Ban Ki Moon hat aktuell vorgeschlagen, 2000 Blauhelmsoldaten und 1500 Polizisten nach Haiti zu entsenden. Es spricht daraus die Angst vor Unruhen, aber auch vermeiden zu wollen, dass Menschen aus dem Land sich auf den Weg in die USA machen. Dort leben in Florida bereits mehrere hunderttausende haitianische Immigranten.
Tagesschau.de vom 15.1. meldet, dass Venezuela und Kuba Soforthilfe auf den Weg gebracht haben. Kuba hat allein 400 Ärzte mit zwei Feldlazaretten nach Haiti geschickt, Venezuela hat Hilfsbrigaden zur Verfügung gestellt. Laut Tagesschau.de geht es den USA darum, gerade diesen Ländern, oder wie es im Artikel heißt, „ihren Gegnern“, möglichst wenig Spielraum zu lassen.
Die Situation ist momentan äußerst verworren, Hilfsgüter kommen nicht an und die Helfer selbst sind oft ebenfalls in einer verzweifelten Lage.
Millionen gut gemeinter Spendengelder können so nicht sinnvoll eingesetzt werden. Es besteht die große Gefahr, dass sie verpuffen oder missbraucht werden.
Unsere Solidarität mit den Betroffenen ist herausgefordert. SI hat Anfragen erhalten, ob wir über eine sichere Spendenmöglichkeit verfügen, u.a. von einem Vertrauensmann bei Daimler in Berlin.
SI genießt das Vertrauen vieler und hat z.B. bei der Tsunami-Katastrophe vor fünf Jahren dafür gesorgt, dass über 45.000 € an Fluthilfe-Gelder bei den Betroffenen eingesetzt werden konnten.
Das war in der Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort möglich geworden, während sich die Regierungen der betroffenen Länder damals an den Spendengeldern selbst bereicherten und wie im Falle von Sri Lanka mit Waffen ausrüsteten, um die tamilische Minderheit vernichtend zu bekämpfen.
Leider verfügt SI bis jetzt noch über keine Verbindungen nach Haiti. Die Bundesvertretung versucht momentan, zu anderen Organisationen Kontakt aufzunehmen, um eine Weitergabe möglicher Spendengelder im Sinne unseres Prinzips der Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstbefreiung zu schaffen.
Die Bildzeitung titelte letzten Samstag: „Sie leben!“ Ja, sie leben - doch wie? Die Menschen haben genug davon, von den USA und Frankreich bestimmt zu werden, von der Weltbank immer neue Auflagen zu erhalten und korrupte Marionettenregierungen zu dulden.
Sie wollen leben – in einer selbstbestimmten Welt, ohne Ausbeutung, Hunger und Unterdrückung.
Es ist im Sinne von SI und seiner Spender, effektive humanitäre Hilfe zu leisten, die in der Selbstorganisation der Menschen Strukturen schafft, die in die Zukunft weisen und nicht eine neue Abhängigkeit bedeutet, diese unhaltbaren Zustände noch länger erdulden zu müssen.
Sobald wir eine Spendenmöglichkeit im Sinne der Selbsthilfe und Selbstbefreiung, bzw. im Sinne von uneigennütziger Hilfe gefunden haben, werden wir umgehend einen entsprechenden Spendenaufruf veröffentlichen.
Renate Radmacher, Axel Kassubek (Sprecher/in)
Klaus Kellert (Kassierer)